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Sachsenhausen Geschichte: Vom Mainufer zum Museumsviertel

Mehr als 800 Jahre dribbdebach, vom Deutschen Orden an der Alten Brücke über die Apfelweinwirtschaften bis zum Museumsufer und dem Deutschherrnviertel.

Von Kerstin Schuster | 19. Juni 2026
Sachsenhausen Geschichte: Vom Mainufer zum Museumsviertel © Foto: Robert Hösle / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Straßenszene in Frankfurt-Sachsenhausen.

Wer abends durch Alt-Sachsenhausen schlendert, läuft über Kopfsteinpflaster, das schon stand, als Frankfurt noch Freie Reichsstadt war. Hinter den Fachwerkfassaden wird seit Generationen Apfelwein ausgeschenkt, ein paar Schritte weiter am Mainufer reihen sich Museen in ehemaligen Gründerzeitvillen, und im Osten ist auf einem alten Schlachthof ein komplett neues Wohnquartier gewachsen.

Sachsenhausen ist der Stadtteil südlich des Mains, von den Frankfurtern liebevoll "dribbdebach" genannt, also drüben über dem Bach. Diese Chronik führt von der ersten urkundlichen Erwähnung 1193 über den Deutschen Orden, die Apfelweinkultur und die Industrialisierung bis zum Museumsufer und dem Deutschherrnviertel von heute.

Was dich erwartet

Die Sachsen-Legende: Karl der Große und der Name

Wie Sachsenhausen zu seinem Namen kam, erzählt eine Legende, die sich hartnäckig hält, historisch aber nicht belegt ist. Der Überlieferung nach soll Karl der Große nach seinen Sachsenkriegen und dem Blutgericht von Verden im Jahr 782 besiegte Sachsen am südlichen Mainufer angesiedelt haben, gegenüber der von ihm geförderten Königspfalz Frankfurt.1

Belege für diese Geschichte gibt es keine. Wahrscheinlicher ist, dass sich im frühen 12. Jahrhundert Ministerialen, also Dienstmannen der Frankfurter Pfalz, am gegenüberliegenden Ufer niederließen. Der Ortsname taucht erst später in den Quellen auf, und der Bezug zu den Sachsen bleibt Volksetymologie. Sicher ist nur die Lage: dribbdebach, drüben über dem Main, gegenüber der Stadt.2

1193: Erste urkundliche Erwähnung

Greifbar wird Sachsenhausen im Jahr 1193. In einer Urkunde erscheint der Ort als "in Sassenhusen prope Franchenfurt", also Sachsenhausen bei Frankfurt. Das ist die erste schriftliche Nennung und gilt als offizieller Beginn der dokumentierten Ortsgeschichte.2

Die weitere Besiedlung steht eng mit dem Bau der Alten Brücke über den Main in Verbindung. Sie wurde 1222 erstmals urkundlich erwähnt, ihr Bau geht aber vermutlich schon auf das Ende des 12. Jahrhunderts zurück. Möglicherweise war Kuno von Münzenberg der Veranlasser, der große Besitzungen auf beiden Mainseiten hatte. Die Brücke machte aus dem Dorf am Südufer einen Verkehrsknoten.3

Dribbdebach

Frankfurter teilen ihre Stadt bis heute in "hibbdebach" (nördlich des Mains) und "dribbdebach" (südlich, also Sachsenhausen). Die Mundart spielt mit der Brücke als Grenze. Wer Sachsenhausen verstehen will, beginnt am Wasser. Mehr zu den Vierteln im Süden findest du in unserer Übersicht der Stadtteile von Sachsenhausen.

1221: Der Deutsche Orden kommt nach Sachsenhausen

Ein Schlüsseldatum ist das Jahr 1221. Kaiser Friedrich II. übertrug dem Deutschen Orden ein Hospital samt zugehöriger Kirche und Gütern an der Alten Brücke. Die Niederlassung des Ordens in Sachsenhausen wuchs zu einer der bedeutendsten Kommenden des Ritterordens im Reich heran.4

Aus dieser Kommende stammt der Name, der dem heutigen Wohnviertel im Osten den Charakter gibt: das Deutschherrnviertel. Die Deutschordenskirche und die Reste der Anlage erinnern bis heute an die Ritter. Über Jahrhunderte prägte der Orden Grundbesitz, Seelsorge und Wirtschaft am Südufer.4

1318: Sachsenhausen wird Teil Frankfurts

Lange war Sachsenhausen ein eigener Ort vor den Toren der Stadt. Im sogenannten Stadtfrieden von 1318, einer Rechtsordnung des Rats, wird Sachsenhausen erstmals ausdrücklich als Teil Frankfurts genannt. Damit verschmolz das Südufer rechtlich mit der aufstrebenden Reichsstadt.2

Die Alte Brücke blieb das verbindende und zugleich trennende Element. 1338 wurde die Dreikönigskirche gegründet, 1452 zur Filialkirche erhoben. Ein verheerendes Magdalenenhochwasser zerstörte 1342 Teile der Mainbrücke, ein Hinweis darauf, wie sehr das Leben am Fluss von dessen Launen abhing.5

Vom Wein zum Apfelwein: Sachsenhausens flüssige Tradition

Keine andere Tradition ist so eng mit Sachsenhausen verbunden wie der Apfelwein, auf Hessisch "Ebbelwoi" oder "Äppelwoi". Erstmals erwähnt wurde gekelterter Apfelwein in einem Frankfurter Rechnungsbuch um 1500 als "Baumwein", auf den eine Keltergebühr fällig war.6

Im 16. Jahrhundert verschlechterte sich das Klima, der Rat verbot den Neuanbau von Reben, und der traditionelle Weinbau verlor an Bedeutung. Die Hecker, also die Winzer, stellten auf Obstanbau um, vor allem auf Äpfel. Aus der Not wurde eine Identität: Sachsenhausen wurde zur Hochburg des Apfelweins.6

Bembel und Geripptes

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es im Stadtteil mehr als 50 Apfelweinkeltereien. Serviert wird der "Stöffche" bis heute aus dem grauen Steinkrug (Bembel) ins gerippte Glas (Geripptes). Wo du die Tradition heute am besten erlebst, zeigen unsere Cafés in Sachsenhausen.

Viele der heutigen Wirtschaften reichen weit zurück. Das "Atschel" wurde 1849 gegründet und gilt als eine der ältesten Apfelweinwirtschaften des Viertels. Die "Buchscheer" wird seit 1876 von der Familie Theobald geführt, das "Klaane Sachsehäuser" öffnete 1886. Adolf Wagner erwarb 1931 das Lokal in der Schweizer Straße 71, in dem schon 1902 Apfelwein ausgeschenkt wurde.7

19. Jahrhundert: Eisenbahn und Industrialisierung

Mit der Industrialisierung änderte sich das Gesicht des Südufers grundlegend. Sachsenhausen wurde zum Eisenbahnstandort. 1846 ging die Main-Neckar-Eisenbahn in Betrieb, 1847 folgte die Frankfurt-Offenbacher Lokalbahn.8

1873 kam die Frankfurt-Bebraer Eisenbahn hinzu, im selben Zusammenhang entstand der Südbahnhof, bis heute ein zentraler Verkehrsknoten des Stadtteils. Parallel wuchs das alte Dorf zur dicht bebauten Gründerzeitstadt. Zwischen 1875 und 1881 wurde die neue, neugotische Dreikönigskirche am Mainufer errichtet, ein weithin sichtbares Wahrzeichen.8

Die wachsende Einwohnerschaft brauchte Versorgung, Verkehr und Wohnraum, ein Strukturwandel, dessen Spuren das heutige Mietniveau und die Wohnlagen bis in die Gegenwart prägen.

1884: Schlachthof und die erste elektrische Straßenbahn

Zwei Ereignisse machten 1884 zu einem Schlüsseljahr. Im Osten Sachsenhausens nahm der städtische Schlachthof seinen Betrieb auf. Errichtet von 1882 bis 1885, wurde er zwischen 1896 und 1902 auf das Dreifache erweitert und zum Versorgungszentrum der Stadt.9

Im selben Jahr verkehrte in Frankfurt die erste elektrische Straßenbahn Deutschlands, deren Strecke das Südufer erschloss. Sachsenhausen war damit Schauplatz eines technischen Meilensteins, der den Nahverkehr im ganzen Land verändern sollte.9

Der Schlachthof blieb über ein Jahrhundert in Betrieb. 1993 wurde er stillgelegt, eine Bürgerinitiative gegen die Schließung scheiterte 1994 vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof. Damit war der Weg frei für eines der größten Stadtumbauprojekte der jüngeren Frankfurter Geschichte.10

NS-Zeit, Krieg und die Zerstörung von 1944

Wie ganz Frankfurt wurde Sachsenhausen im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen. Bei den alliierten Luftangriffen 1943 und vor allem 1944 wurden rund 40 Prozent des Stadtteils zerstört, darunter große Teile der dicht bebauten Altstadtviertel am Main.2

Der historische Kern von Alt-Sachsenhausen mit seinen engen Gassen und Fachwerkhäusern blieb in Teilen erhalten und wurde nach dem Krieg behutsam wiederaufgebaut. Anderswo entstanden Wohnsiedlungen der Nachkriegsmoderne. Die Mischung aus altem Fachwerk und Wiederaufbau prägt das Viertel bis heute.2

Die Kriminalitäts- und Sicherheitslage des belebten Ausgehviertels ist seither immer wieder Thema. Aktuelle Zahlen ordnen wir in unserer Übersicht zur Kriminalität in Sachsenhausen ein.

Ab 1980: Das Museumsufer entsteht

Den vielleicht prägendsten Wandel der Nachkriegszeit verdankt Sachsenhausen einem kulturpolitischen Konzept. 1977 schlug der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann vor, am Schaumainkai eine Reihe unterschiedlicher Museen zu bündeln. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Walter Wallmann entwickelte er ab 1978 die Idee des Museumsufers.11

Zwischen 1980 und 1990 wurden bestehende Häuser ausgebaut und zahlreiche neue Museen errichtet, oft in den erhaltenen Gründerzeitvillen am Mainufer. So entstand ein "Museumspark" von nationalem Rang. Mit dem Leitsatz "Kultur für alle" setzte Hoffmann bundesweit Maßstäbe.11

Kultur am Wasser

Vom Städel über das Deutsche Filmmuseum bis zum Museum Angewandte Kunst reihen sich die Häuser am Schaumainkai. Heute ist das Museumsufer eines der wichtigsten Kulturareale Deutschlands. Welche Häuser und Orte sich lohnen, zeigt unsere Liste der Sehenswürdigkeiten in Sachsenhausen.

Ab 1995: Das Deutschherrnviertel auf dem alten Schlachthof

Nach der Schließung des Schlachthofs 1993 begann auf dem Areal im Osten Sachsenhausens ein groß angelegter Stadtumbau. Am 27. September 1995 fand der erste Spatenstich für eines der Uferpunkthäuser statt. Auf rund 12 Hektar entstand ein komplett neues Wohnquartier.10

2005 begann mit dem Projekt "Little SoHo" die Bebauung der letzten freien Fläche, bestehend aus 13 Wohn- und Geschäftshäusern, einem Hotel und einem Bürogebäude. 2006 wurde am östlichen Ende das Bürohochhaus Main Triangel fertiggestellt. Insgesamt entstanden rund 1.500 Wohnungen und etwa 1.200 Arbeitsplätze in Handel, Gastronomie, Büros und Praxen.10

Der Name knüpft an die mittelalterliche Deutschordenskommende von 1221 an. So schließt sich ein Bogen über fast 800 Jahre: vom Ritterorden am Mainufer zum gefragten Wohnquartier in unmittelbarer Nähe des Museumsufers.12

Sachsenhausen heute: Tradition trifft Großstadt

Sachsenhausen ist heute einer der größten und beliebtesten Stadtteile Frankfurts. Verwaltungstechnisch ist es in Sachsenhausen-Nord und Sachsenhausen-Süd geteilt und gehört zum Ortsbezirk 5 (Süd). Ende 2024 lebten hier insgesamt rund 63.300 Menschen, davon etwa 32.600 in Sachsenhausen-Nord.13

Wie sich Einwohnerzahl, Altersstruktur und Zuzug entwickeln, lest ihr in unserem Demografie-Hub zu den Einwohnern von Sachsenhausen. Was das Leben dribbdebach kostet, vom Apfelwein bis zur Miete, ordnen wir bei den Lebenshaltungskosten in Sachsenhausen ein.

Der Stadtteil lebt vom Kontrast. Im Norden das Museumsufer und das moderne Deutschherrnviertel, im Kern das mittelalterliche Alt-Sachsenhausen mit seinen Apfelweinwirtschaften, im Süden ruhige Wohnlagen bis zum Stadtwald. Was über die Jahrhunderte gleich geblieben ist, ist die Lage am Wasser. Der Main, einst Grenze und Verkehrsweg, bleibt der rote Faden für die nächsten Kapitel Sachsenhausens.

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